Es „häselt“ – Übersetzen und ontologische Relativität

Ist Fremdverstehen prinzipiell möglich? Einige Überlegungen zum Konzept ontologischer Relativität des amerikanischen Philosophen Willard von Orman Quine und etwaiger Grenzen der Übersetzbarkeit.

In einem Blog einer Übersetzungsagentur wie der unseren mag auch die ein oder andere philosophische Überlegung zur Möglichkeit des Übersetzens überhaupt amüsant sein. Dahinter verbirgt sich letztlich die Frage nach der Möglichkeit der prinzipiellen Verstehbarkeit des von einer Gruppe fremder Sprecher mit ihrer Rede gemeinten Sinnes durch einen Beobachter. Diesen Beobachter denken wir uns als mit dieser Gruppe fremder Sprecher nicht bereits durch eine Ebene gemeinsamen Handelns verbunden, sondern als jemanden, der aus der Distanz deren anlässlich bestimmter Erscheinungen motivierte Rede zu verstehen versucht, jedoch über keinerlei Informationen bezüglich deren Sprache verfügt.

Dies ist mehr oder weniger das Szenario, dass der amerikanische Philosoph Willard von Orman Quine bereits 1969 in seinem Aufsatz „Ontologische Relativität“ entworfen hat. In dem von ihm gewählten konkreten Beispiel lässt Quine den Beobachter Zeuge werden, wie Angehörige einer fremden Kultur kleine hoppelnde und pelzige Wesen jagen, die in der Kultur des Beobachters – unserer Kultur – gemeinhin als Hasen bezeichnet werden. Da der Beobachter aber keine Kenntnis der Sprache der Fremden hat, kann er beobachtend zwar verstehen, dass sich deren Rede, wohl auf diese Wesen bezieht, aber laut Quine kann er nicht entscheiden, ob die Fremden meinen: „da sind Hasen“ oder ob sie meinen: „es häselt“.

Laut Quine verbirgt sich hinter diesem Umstand die Unmöglichkeit, zu unterscheiden, ob den Jägern die von ihnen gejagten Wesen jeweils als einzelne Gegenstände erscheinen, oder ob sie sich auf ein einziges in sich differenziert strukturiertes Ereignis als umfassenden Gegenstand der Erkenntnis beziehen, wie wir es etwa tun, wenn wir sagen, „es regnet“. Insofern die Frage danach, was als Gegenstand gelten kann und was nicht, ein Teilgebiet der Ontologie ist, und insofern laut Quine im beschriebenen Szenario für den Beobachter nicht eindeutig entscheidbar ist, was als Gegenstand gilt und was nicht, kommt Quine zu dem Ergebnis, es gebe eine ontologische Relativität, die entsprechend dann auch namensgebend für seinen oben genannten Aufsatz geworden ist.

Was die Möglichkeit des Übersetzens überhaupt betrifft, brauchen wir uns deswegen allerdings nicht zu beunruhigen. Denn sobald der distanzierte Beobachter beginnen würde, mit den Angehörigen der fremden Kultur auch handelnd zu interagieren, würden sich sehr wahrscheinlich auch Hinweise ergeben, ob das eine oder das andere gemeint ist. So könnte etwa einer der Jäger mit zeigenden und darstellenden Gesten zu verstehen geben, dass sich die Einverleibung eines der erlegten Pelzwesen positiv auf die Stärke seines Geistes auswirken wird. Das wäre ein Hinweis darauf, dass die Wesen eher als individuelle – und wohl auch beseelte – Gegenstände aufgefasst werden, so dass der Beobachter Grund zu der Annahme hat, das in der fremden Rede eher nicht „es häselt“ sondern „da sind Hasen“ gemeint ist.

Es ist also eine reale Annäherung des Verständnisses möglich, und wenn sich, angesichts der Komplexität unterschiedlicher Sprachen und der durch Sie eröffneten Welten, vielleicht auch nicht alle unter Quines Begriff ontologischer Relativität denkbaren Sachverhalte im erläuterten Sinne aufklären lassen, so räumt er doch ein: Bei der ontologischen Relativität handelt es sich um einen Hinweis lediglich prinzipieller Natur, der vor allem theoretischen Interessen dient, in der Praxis jedoch durchaus vernachlässigbar und für den sinnvollen Austausch zwischen Angehörigen unterschiedlicher Sprachräume und damit für die Möglichkeit des Übersetzens keineswegs hemmend ist.

Wir hatten die praktische Möglichkeit des Übersetzens natürlich auch gar nicht ernsthaft bezweifelt, freuen uns aber doch, uns in unserer Tätigkeit derart eloquent legitimiert zu sehen. Textbüro Reul liefert professionelle Übersetzungen – schnell, zuverlässig und in höchster Qualität. Gehen Sie auf Nummer sicher! Unsere spezialisierten und erfahrenen Übersetzer liefern Ihnen genau die erstklassige Übersetzung, die Sie erwarten.

(Der Text bezieht sich auf: Willard von Orman Quine – Ontologische Relativität, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main, 2003)


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